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Frankfurter Rundschau February 19, 2003

Im Land der Zwerge

In Bremerhaven liegt das irakische Schiff "Al-Zahraa" vor Anker - als weltpolitisches Strandgut

Von Verena Mayer

Von Bremerhaven sind es nur ein paar Schritte nach Irak. Man läuft einfach den Hafen entlang, vorbei an Frachtschiffen, den Kränen und dem Zollhaus, und irgendwann steht man vor einer rostzerfressenen Treppe, die direkt in irakisches Territorium führt: hoch zur Al-Zahraa. Das irakische Schiff war einst hierhergekommen, um repariert zu werden. Doch kaum waren die Maschinen ausgebaut, trat das Embargo gegen Irak in Kraft. Das war vor mehr als zwölf Jahren, im Sommer 1990. Seither liegt das Schiff vor Anker und darf nicht weg. Der Irak-Konflikt ist in Bremerhaven kein Abstraktum, das man aus den Nachrichten kennt, sondern Bestandteil des Stadtbildes.

Es muss einmal ein imposanter Anblick gewesen sein, doch das ist lange her. Die weiße Außenhaut der Rose, wie Al-Zahraa übersetzt wird, ist überzogen mit Rostflecken, die Verstrebungen oben an Deck sehen aus, als wären sie von einem Brand übrig geblieben Ein cremefarbenes Rettungsboot hängt windschief an der Seite herab, man weiß nicht genau, was es da noch oben hält. Inmitten des Hafengeschehens wirkt die Al-Zahraa wie ein Auto, das man abgemeldet und einfach auf der Straße stehen gelassen hat. Einzig der schwarze Schriftzug "Iraqi Line" am Schiffsbauch scheint den Zeiten getrotzt zu haben.

Im Juli 1990 ist der "Roll-on-Roll-Off"Frachter in den Hafen eingelaufen, als eines von zwanzig Schiffen am Tag, die hier durchschnittlich ankommen. Mehr als dreißig Leute befanden sich damals an Bord, viele Seeleute waren gemeinsam mit ihren Frauen unterwegs, wie es bei längeren Hafenaufenthalten üblich ist. Die Motorenwerke in Bremerhaven begannen das Schiff zu überholen, dann fiel Irak in Kuwait ein. Die Vereinten Nationen verhängten ein Embargo. Seither ist es verboten, Irak wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Davon betroffen waren auch die Reparaturarbeiten an Schiffen.

"Bremerhaven: Die Welt am Meer" ist auf dem Aussichtsturm zu lesen, der aus übereinander gestapelten Schiffscontainern besteht. Seit man von hier oben die Al-Zahraa sehen kann, hat der Werbeslogan eine neue Dimension bekommen. Wahrscheinlich sind an keinem Ort in Deutschland Weltpolitik und Alltagsleben ähnlich miteinander verzahnt wie hier. Für die Hafenbehörde begann das mit einer Nachricht des Bundesverkehrsministeriums, das in diesem Fall für die Umsetzung des Embargos zuständig war. Das Schiff wurde auf einen Schlepperliegeplatz transportiert, die ausgebauten Maschinen blieben bis heute in der Halle. Die Seeleute wurden ausgeflogen - bis auf einen, der den Frachter Tag und Nacht bewachen musste, allein mit dem Fernseher, über den die grünlichen Bilder seiner bombardierten Heimat flimmerten.

Mit den vielen Tauen, die vom Schiff zum Festland gespannt sind, liegt die Al-Zahraa im Wasser wie der schlafende Gulliver im Land der Zwerge. Das Schiff knarrt leicht im Wellengang, sonst rührt sich nichts. Wenn man genau schaut, sieht man eine kleine Luke, die von einer Neonröhre erhellt ist - der einzige Hinweis, dass sich etwas tut auf irakischem Territorium. Denn hinein gelangt man nicht so leicht, Journalisten und anderen Neugierigen wird der Zutritt hartnäckig verweigert. Das regt seit einem Jahrzehnt zu gleichen Teilen Fantasie und Misstrauen an, ein verlassenes Schiff ist ja immer ein Topos des Rätselhaften, ein irakisches ganz besonders. Wenn man sich im Hafen nach der Al-Zahraa erkundigt, hört man oft das Wort Geheimdienst. Der irakische Geheimdienst habe ein Auge auf das Schiff, heißt es, und: Die haben bestimmt ihre Gründe, warum sie niemanden auf das Schiff lassen. Von einem Helikopterlandeplatz wird gemunkelt, in einer Zeitung war bereits von Geisterschiff die Rede.

Einmal hat sich der Volontär eines lokalen Blattes als Hafenmitarbeiter ausgegeben und sich an Bord eingeschlichen. Die Fotos, die er anschließend unter dem Titel " ,Al Zahraa' weiterhin in der Diskussion" stolz veröffentlichte, waren für den Laien etwa so aussagekräftig wie die Bilder Colin Powells im Sicherheitsrat der UN. Man sah ramponierte Maschinen und eine Küche, wie sie sich auch in einer Studenten-WG finden könnte. Doch wo das Offensichtliche zu wenig Beweiskraft hat, ist Verlass auf die Spekulation: Auf der amerikanischen Internet-Seite "Globalsecurity.org" ist die Al-Zahraa unter "Irakische Kriegsschiffe" aufgelistet, in der Rubrik "Support und Miscellanous", in der sich auch zwei Präsidenten-Yachten finden. Daneben zählt eine Uhr mit Digitalanzeige herunter, wie lange es noch bis zum Angriff der Amerikaner auf Irak dauern könnte.

Bei Abfahrt steht nichts

Was macht man nun mit einem solchen Schiff? Als Schnittstelle zwischen der Gesetzgebung eines Landes und internationalen Bestimmungen ist ein Hafen ein Ort des ständigen Abwägens. In Bremerhaven ist daraus eine diplomatische Mission geworden. 1997 etwa, nach sieben Jahren im Hafen, war das Schiff eine Gefahr für die Sicherheit geworden. Die Außenhaut war vom Rost angegriffen, Wasser drang in das Schiff und die Al-Zahraa drohte zu sinken.

Das Schiff zur Reparatur in ein Trockendock zu bringen, hätte formal dem Embargo widersprochen. Erst nach langen Verhandlungen mit der irakischen Staatsreederei, die schließlich die Kosten übernahm, und einer Ausnahmeregelung des hiesigen Bundeswirtschaftsministeriums wurde das Notwendigste getan. Inzwischen wären längst wieder Wartungsarbeiten fällig. Ob das im nächsten Jahr geschehen kann, wie es die Hafenbehörde gerne hätte, entscheidet die Weltpolitik. "Ein Embargo ist ja viel raffinierter als ein Zaun rundherum, denn es betrifft jeden einzelnen Ablauf", sagt Andreas Mai. Der Hafenkapitän, der aussieht, als könnte ihn nichts erschüttern, blättert in dem dicken Ordner, den die Al-Zahraa bereits gefüllt hat. Wenn man aus den aquariumsgroßen Fenstern seines Büros schaut, kann man die Stelle erahnen, an der einst Elvis Presley seinen Fuß auf deutschen Boden gesetzt hat. Im Büro selbst hängt eine Luftaufnahme des Hafens, links unten ist die Al-Zahraa zu sehen, seit Jahren Bestandteil jedes Hafen-Bildes und jeder Hafenrundfahrt. 2000 Euro sind im Monat an Hafengebühr für den Frachter zu entrichten, das Geld überweist Irak.

Nachdem ein Jahr lang nur ein einziger Seemann auf dem riesigen Schiff gelebt hatte, intervenierte die Hafenbehörde. Irgendwann wurde ein zweiter Mann auf das Schiff geschickt. Mittlerweile muss die Besatzung auch nur noch sechs Monate ausharren, dann trifft Ablösung aus Irak ein. Die Seeleute gehören inzwischen zum Hafenalltag. Man sieht ihr Fahrrad vor dem Schiff und kann ihre regelmäßigen Einträge im Gästebuch des "Seemannsclubs" im Hafen lesen: "I am Abdullah from Iraq, I am very happy this night because it is a nice place and here beautiful women in the end." Auch in den Schiffsmeldungen, den Listen, die jeden Tag über den Hafen-Verkehr Aufschluss geben, hat die Al-Zahraa ihren festen Platz. "IRQ 14.7.1990, Ankunft", steht da. Bei "Abfahrt" steht nichts. Tag für Tag wird hier eine Leerzeile gelassen wie in einer offenen Rechnung, eine Leerzeile, in die irgendwann ein Resultat eingetragen wird, das mit dieser Liste, mit Bremerhaven, nichts zu tun haben wird.

Und so ist das Schiff für jeden zu einem Symbol für etwas anderes geworden. Manche nennen es "Mahnmal", andere sehen darin einen Vorboten für Schlimmeres. Im Ordner des Hafenkapitäns ist etwa ein kurioser Brief abgeheftet, in dem sich jemand bei der Bundesregierung beschwert, die Stadt habe das Schiff gekapert, um sich an Irak zu bereichern. Der kauzige Pastor der Seemannsmission dagegen, für die Seelsorge im Hafen zuständig und immer wieder an Bord, um den irakischen Seeleuten Zeitungen und Telefonkarten zu bringen, glaubt in der Situation die "Wirklichkeiten und Möglichkeiten der Welt" zu erkennen. Vor allem die Möglichkeiten. So sei der letzte Seemann, der auf dem Schiff lebte, aus Chaldäa gewesen. "Aus Chaldäa, genau da wo Abraham herkam." Das habe ihm natürlich zu denken gegeben, sagt der Pastor, und er wäre mit dem Seemann übereingekommen, dass man gemeinsam beten müsste, alle müssten gemeinsam beten - am besten in Hebron. Seither schreiben sie sich Karten, der Pastor aus Bremerhaven und der Seemann aus Chaldäa.

Im neu eröffneten Seemannsclub im Hafen wird indes eine eigene Liste geführt. Jeden Tag notiert ein Mitarbeiter im Kalender die Nationen der Seeleute, die in den Clubraum kommen, um hier Billard zu spielen oder im Internet zu surfen. Und da steht es schwarz auf weiß: "USA" und "Irak" in einer Liste - der Beweis, dass amerikanische und irakische Seeleute am selben Abend im selben Raum waren, einfach so. Mit einer trotzigen Handbewegung legt der Mitarbeiter, der gerade Dienst hat, den Kalender neben die Liste der Schiffsmeldungen. Als könnte er es von Bremerhaven aus der ganzen Welt beweisen.


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