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Focus Magazin October 8, 2001

AUFKLAERUNG; Des Adlers Grenzen

Satelliten erkennen Kraftwerke oder Autos bei der Jagd nach Personen helfen sie kaum

Unter der gleissenden Sonne marschiert ein Dutzend Gestalten durch das karge Bergland nahe Jalalabad, etwa 100 Kilometer oestlich der afghanischen Hauptstadt Kabul. Ihre Koerper werfen lange Schatten. In den Haengen ringsum klaffen Stollen, Tunnels, Graeben.

680 Kilometer ueber der zerfurchten OEdnis jagt der Spaehsatellit Ikonos da -hin. Die scheinbar friedliche Szene zeigt das Trainingslager Al Badr I im Osten von Afghanistan, das, so vermuten USErmittler, den Gefolgsleuten Osama bin Ladens als Ausbildungszentrum dient. Und vielleicht, so heisst es auf den Internet-Seiten von Global Security, die diese Bilder ins Netz stellten (www.globalsecurity.org), horten bin Ladens Schergen in diesen Stollen die Giftstoffe und Biowaffen fuer ihren naechsten Schlag.

Ikonos, der fuer die amerikanische Betreiberfirma Space Imaging seit Ende 1999 in jeden Winkel der Erde linsen kann (FOCUS 45;99), gehoert zum Arsenal der High-Tech-Waffen fuer die Hetzjagd auf bin Laden. Seinem elektronischen Auge entgeht kein Fussgaenger und kein Giftfass sofern sie sich unter freiem Himmel befinden. Unter optimalen Bedingungen erkennt Ikonos, der Pionier seiner Klasse, Objekte bis zu einer Groesse von 82 Zentimetern.

Das Adlerauge des israelisch-amerikanischen Konsortiums ImageSat International ist fast genauso scharf. "Seit Dezember 2000 liefert EROS A1 Bilder, die ebenfalls die Ein-Meter-Grenze erreichen", berichtet Wolfgang Baetz von der Gesellschaft fuer angewandte Fernerkundung (GAF) in Muenchen ueber das wachsende Angebot an Praezisionsbildern. Panoramen aus dem Orbit sind zum alltaeglichen Hilfsmittel fuer Staedteplaner, Umweltbehoerden oder Mobilfunkfirmen geworden. "Auch das Militaer nutzt die kommerziellen Daten", sagt Baetz. "Deutschland hat allerdings bisher keinen eigenen Aufklaerungssatelliten."

Die Luftflotte waechst staendig an. Noch im Oktober 2001 soll QuickBird von der US-Firma Ball Aerospace einen neuen Rekord aufstellen. Durch das Einlenken in eine niedrigere Umlaufbahn von 450 Kilometern wird der Fernaufklaerer die Grenze der Aufloesung auf 61 Zentimeter druecken. Und aus Thornton im US -Bundesstaat Colorado kuendigte Ikonos-Betreiber Space Imaging an, 2004 wieder die Spitze im Rennen um den schaerfsten Blick zu uebernehmen: Ein Nachfolger soll dann die 50-Zentimeter-Marke schaffen.

"Die untere Grenze ist noch laengst nicht erreicht", beschreibt Gerhard Neukum vom Berliner Institut fuer Weltraumsensorik und Planetenerkundung des Deutschen Zentrums fuer Luft und Raumfahrt (DLR) das Potenzial der fliegenden Spione. "Mit entsprechendem technischen Aufwand sind zehn Zentimeter heute erreichbar." Die DLR-Ingenieure treiben die Kameraentwicklung inzwischen mit einer Stereokamera voran, die mit der naechsten Mars-Mission im Jahr 2003 auf die Reise gehen soll. Trotz Ultraleichtbauweise und extremer Raumbedingungen registriert sie aus 250 Kilometer Hoehe jeden Zwei-Meter-Brocken auf dem Roten Planeten.

Militaerische Spaehsatelliten, darin sind sich die Experten einig, haben die Moeglichkeiten der Fernerkundung laengst ausgelotet. Die Moskauer Firma Sovinformsputnik etwa vermarktet seit vergangenem Jahr metergenaue Bilder sowjetischer Militaersatelliten, die schon seit 1981 operierten.

Die USA platzierten die ersten Spionagesatelliten Anfang der 60er-Jahre. Seither wurde die Keyhole-(Schluesselloch-)Serie staendig verbessert. Das vermutlich modernste Modell KH 12, das seit 1992 patrouilliert, aehnelt einem Hubble-Teleskop, das auf die Erde gerichtet ist. Ihm trauen Fachleute zu, die Faust eines Menschen abzulichten.

Triebwerke manoevrieren den 15 Meter langen und 18 Tonnen schweren Koloss in die gewuenschte Position. Restlichtverstaerker erlauben gestochen scharfe Bilder auch bei Sternenlicht, Infrarotsensoren spueren getarnte Stromgeneratoren oder beheizte Unterkuenfte auf.

Doch wenn es schneit am Hindukusch oder Nebel sich ueber die Schlachtfelder legt, ist der Blick vom Himmel getruebt. Dann kommen zunehmend Radarsatelliten zum Einsatz. Ihr Mikrowellenstrahl durchdringt Wolken, und nachts entstehen ebenso scharfe Bilder wie mittags, da der Satellit das Echo des von ihm ausgesandten Signals misst.

"Die Nutzung der Radartechnik ist noch relativ neu, verglichen mit den optischen Kamerasystemen", sagt Radarexperte Marian Werner vom DLR in Oberpfaffenhofen. "Die Aufloesung ist geringer, aber Radar hat auch Vorteile. Je niedriger die Frequenz, desto leichter dringt die Strahlung in Vegetation oder in trockenen Sand ein und kann so verborgenes Militaergeraet sichtbar machen."

Das US-Militaer schickte den ersten Radarsatelliten vom Lacrosse-Typ im Dezember 1988 an Bord des Space Shuttle in den Erdorbit. Der juengste Spross dieser Bauserie schwenkte im August 2000 auf seine 690 Kilometer hohe Umlaufbahn ein und breitet seine 50 Meter messenden Solarfluegel seither auch ueber Afghanistan aus.

Experten gehen davon aus, dass Lacrosse-Satelliten heute die Ein-Meter-Grenze der Aufloesung laengst unterschreiten. Indem der Bordcomputer auf seinem Vorbeiflug viele Einzelsignale zu einem Bildpunkt verarbeitet (SAR-Verfahren) und die immense Datenflut mit einer Kapazitaet von mehreren Hundert Megabit pro Sekunde an Bodenstationen funkt, stehen die geheimen Nachtspaeher dem zivilen Ikonos vermutlich nicht mehr nach.

Auch Deutschland wird seinen Blindenstatus unter den Raumfahrtnationen aufgeben. Seit Ende August verhandelt die Bremer OHB-System GmbH mit dem Bundesamt fuer Wehrtechnik und Beschaffung ueber die Bereitstellung einer Luftflotte von fuenf Radaraufklaerern samt Bodenstation. Laeuft bei dem mehr als 500 Millionen Mark teuren Projekt SAR-Lupe alles nach Plan, "dann wird der erste Satellit 2004 vermutlich mit einer russischen Traegerrakete abheben", hofft OHB-Sprecher Fritz Merkle.

Die Sehschaerfe der elektronischen Bundesadler sei "natuerlich geheim", teilt Merkle mit, entspreche aber "dem Besten, das man zurzeit erreichen kann". Ein halber Meter Aufloesung wird also angepeilt.

Wunschtraum Fahndung. "Personen aus dem Orbit aufzuspueren", schraenkt GAF -Chef Baetz freilich ein, "ist auch heute kaum moeglich." Die Identifizierung eines Menschen aus dem Weltraum bleibt ebenso Wunschtraum wie eine kontinuierliche Fahndung oder Verfolgung, weil die Satelliten ein bestimmtes Territorium nur im Abstand mehrerer Tage ueberfliegen. Und dann fatalerweise immer zur gleichen Uhrzeit, weil sie auf so genannten sonnensynchronen Bahnen kreisen. Baetz:" Sie liefern nur Momentaufnahmen, zum Beispiel von Menschenmengen oder Fahrzeugen. Bei der Jagd auf Terroristen genuegt es aber nicht, jeden dritten Tag gegen zehn Uhr vormittags mal vorbeizuschauen."

Blick ins Terroristen-Camp

Moderne Aufklaerungssatelliten inspizieren aus dem All afghanische Trainingscamps. Tunneleingaenge, Fahrzeuge und selbst Marschkolonnen werden sichtbar.

Wuestes Labyrinth
Im zerkluefteten Bergland von Afghanistan sind Trainingscamps islamistischer Terroristen versteckt.

Lautlose Jaeger
Zivile und militaerische Aufklaerungssatelliten unterstuetzen die Jagd nach bin Laden aus dem Erdorbit.

Nur bei schoenem Wetter
Zivile Aufklaerungssatelliten arbeiten im "optischen" Frequenzbereich und sind auf wolkenfreien Himmel angewiesen. Ausnahme: Radarsat durchdringt Wolken mittels Mikrowellen.

Erhellender Film noir
Nur Schwarz-Weiss-Sensoren liefern optimale Aufloesung. Zivile Satelliten erreichen eine Aufloesung von einem Meter. In diesem Jahr soll QuickBird mit 61 Zentimetern folgen.

Schaerfere Militaeraugen
Nach einer Faustregel erreichen Militaersatelliten die zehnfache Genauigkeit.

GRAPHIC: Grafische Darstellung;

PAPARAZZO IM ALL Spaehsatellit, der aus 681 Kilometer Hoehe einzelne Personen ausmachen kann: Ikonos-2;
AUSSPIONIERT Ikonos fotografiert das zur Landung gezwungene US-Spionageflugzeug auf dem chinesischen Militaerstuetzpunkt Lingshui;
BAUAUFSICHT Trotz US-Protest gehen die Bauarbeiten am iranischen Atommeiler Buschehr voran zeigen aktuelle Ikonos-Bilder;
SPUREN IM SAND Das Spaehbild zeigt einen Ausschnitt aus dem Lagerkomplex Darunta im Osten Afghanistans;
METERGENAU Stollen in den Haengen weisen auf unterirdische Waffenlager hin. Der Ausschnitt zeigt eine Wuestentruppe;
HOCHFLIEGEND Wolfgang Baetz von der Gesellschaft fuer angewandte Fernerkundung rechnet mit einem Boom beim Bild aus dem All. Im Hintergrund: Hafenanlage von Izmir


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