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Financial Times Deutschland March 13, 2003

Wissen: Fernsteuern im Ausnahmezustand

Von Christian Herbst

Während eines Irak-Kriegs könnte das Pentagon die Satellitennavigation GPS manipulieren. Damit wäre die zivile Verkehrslenkung gefährdet.

Sie geben Piloten und Kapitänen Orientierung, zeigen vielen Autofahrern den Weg und helfen sogar technisch hochgerüsteten Gebirgswanderern: die Satelliten, die aus dem Weltall permanent Signale zur Erde funken und den Menschen so das Leben leichter machen sollen.

Für die Steuerung des heutigen Verkehrs ist das Global Positioning System (GPS) kaum noch wegzudenken. Völlig unverzichtbar ist die Satellitennavigation allerdings für das US-Militär. Ein Großteil der Bomben, mit denen die Amerikaner in den nächsten Tagen Irak überziehen wollen, arbeitet mit Signalen aus dem All. Während eines Kriegs könnten die USA die Arbeitsweise ihrer 24 GPS-Satelliten so verändern, dass die zivile Nutzung nur noch eingeschränkt funktioniert. Nach Informationen der Financial Times gehen Sicherheits-Insider in Washington und London davon aus, dass genau dies passieren wird. Gegenüber der FTD wollte ein Sprecher des Pentagons dieses Szenario weder bestätigen noch dementieren.

Neuausrichtung der Satelliten

Fachleute sorgen sich auch in Deutschland um die zivile Nutzung. Die Amerikaner würden "wahrscheinlich billigend in Kauf nehmen", dass GPS in einigen Regionen schlechter nutzbar sein wird, sagt Alexander Steingaß vom Institut für Kommunikation und Navigation, das zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gehört. Seine Kollegin Evelin Engler, die GPS-Signale auswertet, erinnert an den Golfkrieg im Jahr 1991: Die Amerikaner hätten die Konstellation der Satelliten so verändert, dass "sie für ihre Sicherheitsinteressen die größte Performance brachten". Sprich: Die Präzision von GPS in der Golfregion nahm zu, in anderen Gegenden mussten sich die Nutzer mit ungenaueren Daten begnügen. "Wir erwarten auch diesmal eine Verschlechterung der Signale", sagt Ulrich Schulz, Technikvorstand des Telematikunternehmens OHB Teledata in Bremen.

Das Pentagon könnte zudem die Funksignale künstlich verschlechtern, damit die Iraker sie nicht nutzen können. Damit wäre ein Zustand erreicht, den es schon einmal gegeben hat: Lange Zeit stellte das US-Militär die Daten nicht in der ursprünglichen Qualität zur Verfügung. Erst im Jahr 2000 stieg die Präzision für die zivile Nutzung sprunghaft an: von 100 auf 20 Meter Auflösung.

Die Amerikaner hätten noch weitere Möglichkeiten: Sie könnten die Signale mit Sendeanlagen vom Boden aus stören. Oder sie könnten den zivilen Teil von GPS einfach dichtmachen - ein Szenario, das jedoch als unwahrscheinlich gilt.

Die USA fürchten ihrerseits, die Gegner könnten das Rückgrat ihrer Waffentechnik lahm legen. "Ich wäre überrascht, wenn die Iraker nicht versuchen, die militärischen Signale zu stören", sagt John Pike, Direktor des Militärberatungsunternehmens GlobalSecurity.org . Damit wäre die Kriegsstrategie der Amerikaner gefährdet. 80 Prozent der Bomben nutzen GPS, schätzt Pike. Rund 20 Prozent würden durch Laser gesteuert.

GPS ist nicht die einzige Technik

Völlig orientierungslos wären die von Satelliten gesteuerten Waffen allerdings auch ohne GPS nicht: Sie nutzen eine weitere Ortungstechnik, die so genannte Trägheitsnavigation. Das Prinzip: Bei jedem Tempo- und Richtungswechsel wirken Kräfte auf die Bombe. Indem man diese Kräfte misst, lässt sich der Weg zurückverfolgen, den die Waffe geflogen ist.

Navigation per Trägheit ist allerdings ungenauer als die Fernsteuerung per Satellit. Die Hälfte aller Bomben, die nur mit Trägheitssensoren gesteuert werden, verfehle ihr Ziel um weniger als 30 Meter, sagt Militärexperte Pike. Bei Flugkörpern mit Satellitenkontrolle betrage dieser Wert 13 Meter, bei lasergesteuerten Waffen vier Meter. Diese Technik versagt jedoch bei schlechten Wetterbedingungen. Einige Hightech-Geschosse würden immer auch weit entfernt von ihrem Ziel landen. "Die meisten Menschen denken, dass alle Bomben exakt sind", sagt Pike. "Die wundern sich dann, wenn auch Krankenhäuser getroffen werden."

Was fürs Militär gilt, trifft ebenso für den zivilen Bereich zu: GPS ist selten die einzige Technik. "Für den zivilen Luftverkehr wären ungenauere Satellitendaten kein Problem", sagt Axel Raab, Sprecher der Deutschen Flugsicherung. Beim Starten und Landen dirigieren Sendeanlagen am Boden die Piloten. Lediglich auf manchen kleinen Flugplätzen gibt es satellitengestützte An- und Abflüge.

Während des Flugs messen große Maschinen die Trägheitskräfte, um sich zu orientieren. Zudem gibt es - so lange Land überflogen wird - Sendestationen am Boden. Lotsen wiederum orten die Maschinen vom Boden aus mit Radar. Kleine Flugzeuge, die keine Trägheitsverfahren an Bord haben, könnten nur bestimmte Routen fliegen, wenn das Satellitensystem versagen sollte, sagt Raab. Auf diesen älteren Luftstraßen müssten sie sich entlang der Sendestationen am Boden orientieren.

Orientierungslos bei Signalknappheit

Stärker abhängig von den Satellitendaten sind Autofahrer, die ein Navigationssystem nutzen. Die Geräte sind zwar gefüttert mit elektronischen Landkarten und Stadtplänen. Zudem orten sie sich mit Hilfe von Alternativtechniken - Trägheitsverfahren und Tachoimpulse. Diese Daten müssen aber mit den Satelliteninformationen verglichen werden. "Mit schlechtem GPS würden Autofahrer schon mal eine Ausfahrt verpassen", sagt Bernd Bochow vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme in Berlin.

Besonders orientierungslos wären Nutzer von mobilen Geräten. Diese speichern auf ihren Chips längst nicht so viele Daten wie etwa die Technik fürs Auto auf größeren Speichermedien. Deshalb rufen diese Handhelds die Signale aus dem All permanent ab, mitunter sekündlich. Autosysteme greifen dagegen nur einmal pro Minute auf die Daten zu.

Eines ist allen Experten bewusst, wenn sie sich um eine mögliche Signalknappheit sorgen: Das europäische Navigationssystem Galileo müsse schnell her, ist immer wieder zu hören. Doch das mehr als 3 Mrd. Euro teure Mammutprojekt kommt derzeit nicht so recht voran: Seit Monaten streiten die Partner über die Finanzierung.

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Große Flugzeuge orten sich auch mit Trägheitsnavigation und Funkkontakt zu Sendeanlagen am Boden. GPS ist nur eine ergänzende Technik.

Autos haben Systeme an Bord, die Satellitensignale zum Datenabgleich brauchen. Daher gilt: Je schlechter GPS, desto ungenauer ist die Technik.


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