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Berliner Zeitung July 13, 2005

Ein altes Lastpferd geht an den Start

Der Spaceshuttle Discovery wurde für viel Geld überholt. Trotzdem ist der Flug riskant, sagen Kritiker

Von Olivia Schoeller

Die Bilder bleiben unvergessen. In den Morgenstunden des 1. Februar 2003 erscheint eine Leuchtkugel am strahlend blauen Himmel über Texas. Mit großer Geschwindigkeit rast sie durch die Atmosphäre, bis sie plötzlich in viele Stücke zerbricht. Der Spaceshuttle Columbia war verloren, die sieben Besatzungsmitglieder waren tot.

Wie sich später herausstellte, hatte ein 800 Gramm schweres Stück Schaumstoff zu dem Desaster geführt. 82 Sekunden nach dem Start hatte es sich vom Haupttank gelöst und war mit großer Geschwindigkeit auf den linken Flügel der Columbia geprallt. Beim Landeanflug 16 Tage später wurde der dabei entstandene Riss der Mannschaft zum Verhängnis. Als der Spaceshuttle wieder in die Erdatmosphäre eintauchte, drang stark erhitzte Luft durch den Spalt in den Flügel - und die Columbia zerbrach.

Ein neuer Anlauf

Es war der zweite Unfall einer Raumfähre, der Menschenleben kostete. Bereits 1986 hatte die Nasa sieben Astronauten verloren, als die Challenger beim Start explodierte. Nach beiden Katastrophen schien es, als seien die Spaceshuttle-Flüge am Ende - doch die Nasa setzte ihr Raumfahrtprogramm fort. Und beide Male wählte sie die inzwischen 22 Jahre alte Raumfähre Discovery für den ersten Flug nach dem Unglück aus.

Heute soll der Spaceshuttle um 15.51 Uhr Ortszeit (also 21.51 Uhr mitteleuropäischer Zeit) von der Rampe 39B des Kennedy Space Centers in Florida aus starten. Nicht nur Raumfahrtfans fiebern dem Ereignis entgegen. Viele in den USA hoffen, dass es der Nasa gelungen ist, die Fehler zu beheben und das einst so stolze Raumfahrtprogramm sicherer zu machen.

Bei der Nasa gibt man sich optimistisch. "Wir haben das Risiko deutlich gesenkt", sagte Nasa-Chef Michael Griffin bei der Bekanntgabe des Starttermins. Allerdings, so schränkte er gleich ein, dürfe man nicht vergessen, dass die Raumfahrt gefährlich ist. Insgesamt hat die Nasa 1,4 Milliarden US-Dollar ausgegeben, um die Discovery zu überholen.

Wichtig war den Nasa-Ingenieuren vor allem den Fehler zu beheben, der zum Absturz der Columbia führte. Sie ersetzten einen Teil der Schaumstoffisolation des Haupttanks durch Heizstäbe. Sie sollen verhindern, dass sich Eis an den Leitungen bildet, durch die der kalte Treibstoff - es handelt sich um flüssigen Wasser- und Sauerstoff - fließt. Zudem soll die verbleibende Isoliermasse nur noch in kleine Stücke zerbröseln können. Und in jedem Flügel registrieren 80 Sensoren eventuelle Einschläge und Temperaturanstiege.

Beim Start wird die Discovery zudem so scharf überwacht wie kein Spaceshuttle vor ihr. Auf dem Gelände des Kennedy Space Center sowie entlang der Atlantikküste hat die Nasa mehr als hundert Kameras aufgestellt, die die Raumfähre aus jedem Blickwinkel filmen. Auf diese Weise will man rechtzeitig bemerken, falls erneut irgendetwas auf die Flügel prallt. Dann hätten die Astronauten im All noch Gelegenheit, den Schaden zu reparieren.

Auf diese Arbeit wurde die siebenköpfige Crew - anders als ihre Vorgänger - intensiv vorbereitet. Zudem wurde der Roboterarm in der Ladebucht der Discovery auf 30 Meter verlängert. An seinem Ende ist eine Kamera befestigt, die es den Astronauten erlaubt, den Spaceshuttle von fast allen Seiten zu begutachten.

Der Astronaut Charles Camarda ist sich daher sicher, dass die Crew die Risiken wesentlich reduzieren kann. Und seine Kollegin Eileen Collins, die Kommandantin der Discovery, sagte kürzlich: "Es ist an der Zeit, dass wir fliegen." Auf die Frage, ob sie keine Angst habe, antwortete sie: "Wenn es nicht sicher wäre, würde ich es nicht machen."

Doch nicht alle sind so optimistisch wie die Astronauten und der Nasa-Chef. Eine Untersuchungskommission der Nasa hatte nach dem Absturz der Columbia 15 Änderungen am Spaceshuttle empfohlen. Eine unabhängige Untersuchungskommission kam vor einigen Wochen jedoch zu dem Ergebnis, dass die Weltraumbehörde nur zwölf der Vorschläge umgesetzt habe. Zu den verbleibenden Mängeln zähle, dass die Isolationsverkleidung des Haupttanks nicht vollständig entfernt wurde. Außerdem sei nicht sichergestellt, dass die Hitzeschilde der Discovery im All zuverlässig repariert werden können.

Keine Rede mehr vom GAU

Die New York Times zitiert ein internes Papier der Nasa, demzufolge die Messlatte häufig niedriger gelegt wurde, damit die Tests positiv ausgehen. In der Sprache der Nasa heißt es, man habe die so genannten übervorsichtigen Standards herabgesetzt. Die neue Sprachregelung kennt den "worst case", also den schlimmsten anzunehmenden Fall, nicht mehr. Vielmehr sagt man nun: "Das ist das Beste, was wir derzeit erreichen können." Von Weltraumexperten kam lautstarker Protest. Zwar werden die technischen Verbesserungen am Spaceshuttle anerkannt. Doch die Raumfähre werde womöglich einen neuen Weg finden, um die Besatzung zu töten, sagt beispielsweise John Pike. Pike leitet den Online-Dienst Global Security, der unter anderem Informationen zur Raumfahrt bereitstellt.

Ähnlich sieht es der Historiker Alex Roland von der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina. Da die Aufmerksamkeit der Nasa-Verantwortlichen mit der Zeit nachlasse, könne ein hoher Sicherheitsstandard nicht lange aufrechterhalten werden.

Auch der ehemalige Spaceshuttle-Kommandant James Wetherbee gehört zu den Kritikern. "Wir haben nicht wirklich etwas geändert, wir sind auf dem gleichen Weg wie früher", sagt er. Im Januar hat Wetherbee frustriert seinen Job als technischer Berater der Nasa gekündigt. Auch er kritisiert weniger die Reparaturarbeiten an der Raumfähre als vielmehr die Reparaturarbeiten an der Behörde selbst. An der Kultur der Nasa hat sich seiner Ansicht nach seit dem Columbia-Unglück nicht viel geändert.

Bedenkenträger unerwünscht

"Es geht nur ums Fliegen und nicht darum, das Fliegen sicherer zu machen", klagt auch Jon Clark, ein Neurologe der Nasa. Seine Frau Laurel war durch das Columbia-Desaster ums Leben gekommen. Damals wie heute würden die Projektmanager bei der Nasa von ihren Teams schnelle Erfolge einfordern, moniert Clark. "Sie hören zu wenig auf die Warnungen der Ingenieure." Aus Angst davor, als risikoscheu beschuldigt zu werden und deshalb gar den Job zu verlieren, würden sich viele Nasa-Ingenieure offenbar auch jetzt nicht trauen, ihre Bedenken vorzutragen.

Ein solches Betriebsklima hat die Untersuchungskommission als eine der Hauptursachen des Columbia-Unglücks ausgemacht. Die Kommission zeigte zwar Verständnis dafür, dass sich das Denken in den Nasa-Zentren in Houston, Cape Canaveral und Washington nicht von einem Tag auf den anderen ändern kann. Doch sie ließ in ihrem Abschlussbericht keinen Zweifel daran, dass ein Wandel notwendig sei, wenn man die bemannte Raumfahrt erhalten wolle.

Die Führung der Nasa stimmt diesem Urteil im Großen und Ganzen zu. Doch anders als ihre Kritiker machen die Verantwortlichen bereits einen Umschwung aus. Man sei schon weit gekommen, sagt der stellvertretende Leiter des Shuttle-Programms, Wayne Hale.

Auch Nasa-Chef Griffin zeigt sich von den Einwänden der Kritiker wenig beeindruckt. Als die unabhängige Untersuchungskommission kürzlich ihre Mängelliste vorlegte, begrüßte er lediglich die kritische Diskussion. Wenige Tage später, nach der entscheidenden Sitzung der Nasa-Verantwortlichen, verkündete Griffin: "Die Entscheidung ist gefallen. Wir sind zum Start bereit."


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