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Die Welt am Sonntag July 10, 2005

"Al-Qaida hat seine festen Strukturen verloren und ist zur gefährlichen Bewegung geworden"

London gilt als europäische Zentrale des islamistischen Terrors. Doch überall in Europa bilden sich Dschihadisten-Gruppen, die untereinander vernetzt sind

von Bruno Schirra

Londonistan - die britische Hauptstadt ist seit Jahren zum Synonym für die europäische Zentrale des dschihadistischen Terrors der al-Qaida geworden, und die Spottfassung des Stadtnamens drückt diese Entwicklung aus. Fast jede islamistische Organisation, jeder islamistische Zirkel ist in Britanniens Hauptstadt vertreten. Sprecher, Anhänger, gar "Botschafter Osama Bin Ladens" haben hier sicheren Hort gefunden.

Hinter dem griffigen Bild steht allerdings noch immer die Vorstellung von al-Qaida als einer streng gegliederten Organisation, deren Terror es zu bekämpfen gilt, den man bekämpfen kann. Dabei gehen die meisten seriösen Terrorexperten wie John Pike von Globalsecurity mittlerweile davon aus, daß es al-Qaida in dieser klassischen Form längst nicht mehr gibt. "Al-Qaida ist tot - das macht die Sache um so gefährlicher für den Westen. Al-Qaida hat seine Strukturen verloren und ist zur Bewegung geworden", so Pike.

Dahinter steht die Erkenntnis, daß nach der Zerschlagung von al-Qaida in Afghanistan deren Gründer und Führer Osama Bin Laden zur Inspirationsfigur des dschihadistischen Terrors geworden ist.

Seine Verhaftung oder gar sein Tod löse das Problem des islamistischen Terrors nicht. Von Bin Ladens Ideologie lassen sich Islamisten in aller Welt unabhängig voneinander in ihrem Heiligen Krieg gegen den Westen allenfalls noch anleiten - und agieren selbständig. Für Ermittler und Geheimdienste die denkbar schlechteste Ausgangsbasis, den Terror schon vorab zu bekämpfen.

Der Feind, den es zu schlagen gilt, bleibt vage, ist nur schwer greifbar. "Das ist wie ein Krebs. Sie können den Muttertumor erfolgreich zerstören und sind danach mit einer Unzahl von Metastasen konfrontiert", konstatiert ein deutscher Verfassungsschutzmann. In allen europäischen Ländern gibt es seit mehr als zwei Dekaden ein ständig wachsendes Reservoir gewaltbereiter Islamisten, die nie ein Terrortraining in einem afghanischen Ausbildungslager absolviert haben und sich dennoch darauf vorbereiten, im Namen von Osama Bin Laden den Terror nach Europa zu tragen.

Im Umfeld radikaler Moscheen von Berlin bis Madrid, von Neu-Ulm bis Mailand oder von Lyon bis Manchester gedeiht der Traum vom Töten im Namen Allahs. Reisende Islamisten-Kader, Instrukteure des Terrors wie Prediger des Todes, sind in ganz Europa unterwegs, geben Finanzmittel und technische Unterstützung. Wie viele kampfbereite Dschihadisten in Europas Metropolen leben, in welchen Zellen sie sich organisiert haben oder wie gut sie tatsächlich ausgebildet sind, wie weit sie gar in ihrem Traum, sich chemischer oder biologischer Kampfstoffen zu bedienen, vorangeschritten sind - westliche Sicherheitsdienste wissen das ganz einfach nicht.

Auch wenn es Differenzen in Glaubens- und Ideologiefragen zwischen algerischer GIA und marokkanischen Salafisten gibt, zwischen Anhängern von Abu Mousab Al Zarqawis Netzwerken und sogenannten unabhängigen Mudschaheddin: Es kommt immer wieder zu zeitweiliger Kooperation und gegenseitiger Unterstützung.

Hinter allem steht das leuchtende Vorbild des 11. September 2001. Osama Bin Laden dient den Dschihadisten der vierten Generation mehr als mystisch verklärte Lichtfigur denn als Geldgeber, Organisator oder gar Befehlsgeber terroristischer Anschläge. Sympathisanten von Ansar al-Islam in Deutschland, Italien oder Großbritannien arbeiten mal mehr, mal weniger mit salafistischen Gruppen in Algerien zusammen.

Aber alle eint das Feindbild des Westens. Die ideologischen Blaupausen bieten radikale islamistische Geistliche und dschihadistische Intellektuelle. Saudische Dissidenten wie Saad al-Fagih in London üben sich als Apologeten Osama Bin Ladens im sicheren westlichen Asyl. Dem gebürtigen Iraker mit saudischer Staatsangehörigkeit gilt Bin Laden als Protagonist "eines neuen sozialen Gefühls in der muslimischen Welt".

Fagih ist der Betreiber der Website, auf der zwei Stunden nach den Anschlägen in London das Bekennerschreiben der "Geheimorganisation - al-Qaida in Europa" gesichtet wurde. Daß die Aktionen dieser Gruppe nicht vom Krieg gegen den Terror verursacht werden, zeigen Daten westlicher Behörden. Amerikanische wie britische Dienste haben Belege, daß Fagih schon 1998 Bin Laden Satellitentelefone zur Vorbereitung der Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania gegeben hatte.

Der Saudi gilt als nur einer von vielen Terrorfinanziers. Seine Konten wurden von der EU gesperrt. "In jedem europäischen Land", so ein deutscher Geheimdienstmitarbeiter, "finden Sie Leute wie Fagih. Wenn Sie sagen, der Mann ist ein Organisationsmitglied von al-Qaida, ist das falsch. Wenn Sie aber sagen, die Idee von al-Qaida kann ohne solche Leute nicht leben, liegen Sie richtig."


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