300 N. Washington St.
Suite B-100
Alexandria, VA 22314
info@globalsecurity.org

GlobalSecurity.org In the News




Hamburger Abendblatt July 9, 2005

Service-Plattform fr Waffen und Geld

Internationale Experten beschreiben, wie al-Qaida funktioniert

Von Kai Monheim

Hamburg -

Was ist al-Qaida? Es klingt zynisch, aber die meisten Experten sprechen von einer Art Franchise-Unternehmen. Also von einer Geschäftsidee wie bei McDonald's. "Die Gruppen sind in Saudi-Arabien, im Irak, in Afghanistan und anderswo. Keiner führt", beschreibt John Pike, Direktor von Globalsecurity.org in Washington, dem Abendblatt die Struktur. "Es ist mehr eine Bewegung, keine Organisation. Es gibt keine festen Strukturen", erklärt er. "Wie viele Terrorzellen es gibt, glaubte man einmal zu wissen. Aber das ist unmöglich", sagt der Berliner Politikprofessor Herfried Münkler.

Ähnlich sieht der Vizedirektor des Instituts für Terrorismusforschung, Kai Hirschmann, den Aufbau von al-Qaida. "Der Name bedeutet übersetzt ,Die Basis'. Es ist eine Service-Plattform für Waffen, Ausbildung und Geld." Doch selbst das werde immer weniger zentral angeboten - wenn das überhaupt je der Fall war. Der Kern um Osama bin Laden befinde sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet dauernd auf der Flucht. Zu dieser Gruppe zählen außerdem Ayman Sawahiri, Abu Musab al-Sarkawi und Saif al-Adel, so Hirschmann. Pike meint dazu trocken, man könne nie wissen, wer heute im Führungszirkel sitzt. Das mögen gestern noch Unbekannte gewesen sein. Immerhin in einer Sache sind sich alle Experten einig: Al-Qaida ist wie eine Bewegung, wenn nicht gar eine Ideologie. "Er sitzt wie Robin Hood in seiner Höhle", beschreibt Pike bin Ladens Rolle als geistiger Anführer.

Der Sohn wohlhabender Eltern aus Saudi-Arabien gründete 1988 al-Qaida. Das erste Ziel war, die Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben. Nach deren Rückzug konnte das Netzwerk in Afghanistan im Schatten der Taliban Trainingslager für Terroristen errichten. Die Anschläge vom 11. September 2001 rückten die Gruppe endgültig ins Zentrum der Weltöffentlichkeit. Europa suchten sie 2004 in Madrid und jetzt in London heim.

"Wie eine Blaupause ist so ein Anschlag in Madrid. Das kann jeder jederzeit nachmachen", prophezeit Professor Münkler. Immer wieder stellen die Experten die Linksterroristen der deutschen RAF in Gegensatz dazu. Die RAF wollte gezielt hochrangige Persönlichkeiten treffen. Ein solcher Anschlag konnte nicht beliebig ausgeführt werden. Anders bei al-Qaida. Jeder könne sich mit Sprengstoff in die U-Bahn begeben. Dennoch "könnte es einen Masterplan geben", spekuliert der Politikwissenschaftler Jeroen Gunning aus Großbritannien. "Der Anschlag in Madrid war einfach ein zu gewiefter, politischer Schachzug. Er fand kurz vor den spanischen Parlamentswahlen statt, die die Regierung dann verlor. Prompt zogen die Spanier aus dem Irak ab." Also doch ein planender Geist, der die Anschläge grob vorbestimmt? "Alles Spekulation", räumt Gunning ein.

Was aber hat das Terrornetz vor? "Über physische Gewalt soll psychischer Terror erreicht werden. Sie wollen Angst erzeugen. Die Verkehrssysteme der Ballungsräume sollen kollabieren. Sie treffen die labilen Strukturen der modernen Gesellschaft", so Professor Münkler. Der Amerikaner Pike geht noch weiter: "Sie wollen die Zionisten und Kreuzzügler vertreiben und die islamischen Länder vereinen, von Indonesien bis Andalusien." Ein außenpolitischer Experte der Bundesregierung sorgt sich unterdessen um die kurzfristige Sicherheit. "Wir sehen, daß man die Anschläge nicht verhindern, sondern nur die Opfer minimieren kann. Im Ernstfall ist es wichtig, daß genügend Leute einen kühlen Kopf bewahren."

 


Copyright 2005, Hamburger Abendblatt