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Der Spiegel March 17, 2003

"Kriegsgrund dringend gesucht"

Fälschungen und Halbwahrheiten sollen die Angst vor Saddams Waffenarsenal verstärken

By Mascolo, Georg

Die Dokumente waren so jämmerlich gefälscht, dass kein Kriminalbeamter sie als Beweisstücke weitergereicht hätte: Eines hatte angeblich sogar der Außenminister der Republik Niger unterschrieben, obwohl er schon gar nicht mehr im Amt war. Es ging um Uranlieferungen an Saddam Hussein und geheimnisvolle Besuche von Irakern in Afrika. Sonderbarerweise trug das Schriftstück vom Oktober 2000 einen Eingangsstempel vom September. Immerhin: Der Briefkopf war einmal korrekt gewesen, aber dem Fälscher war entgangen, dass das Ministerium zwischendurch seinen Namen leicht verändert hatte.

"Krude Fälschungen", beschwerte sich denn auch der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohammed al-Baradei, und nicht einmal die britische und die amerikanische Regierung, welche das vermeintliche Urangeschäft als Kriegsgrund gegen Saddam angeführt hatten, protestierten.

Dabei waren US-Präsident George W. Bush und Briten-Premier Tony Blair ganz verliebt in den Fund. Außenminister Colin Powell bezichtigte die Iraker sogar der Lüge, weil sie ihre Niger-Kontakte nicht gegenüber der Uno zugegeben hätten: "Warum verheimlicht das irakische Regime seine Uranbeschaffung?"

Das Aufbauschen und Fälschen hat Methode. Bush und Blair lassen seit Monaten Geheimdienstinformationen und Gerüchte anfetten, verschärfen und gezielt überinterpretieren, um den Krieg gegen den Irak zu legitimieren. Dutzende der "sicheren Hinweise" aus London und Washington auf angebliche Giftküchen und unterirdische Waffenverstecke Bagdads sind inzwischen überprüft worden. "Es war sinnvoll, auch solchen Informationen nachzugehen, um zu belegen, dass sich dort nichts befindet", spottete Baradeis Kollege Hans Blix. Seine Inspektoren nennen die Tipps schlicht "Müll". Bei deren Überprüfung sei "nichts, absolut nichts" herausgekommen. Das alles sähe aus, als würde ein "Kriegsgrund dringend gesucht".

Das Debakel kommt nicht unerwartet. Jahrelang hatten westliche Geheimdienste regelmäßig ihre Erkenntnisse über Iraks Waffenarsenal ausgetauscht.

Das Bild, das die amerikanische CIA, der britische MI6 und der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) zusammentrugen, war keineswegs entlastend, aber weit entfernt von den Schreckensmeldungen, die jetzt den Krieg legitimieren sollen.

Trotz des geltenden Embargos gingen die Iraker noch immer auf Einkaufstour: Nach Chemikalien, die sich auch für die Produktion von Kampfstoffen eignen, fragten sie in Indien; in Bulgarien orderten sie eine Impfstofffabrik, die ebenso gut für die Herstellung von Biowaffen taugt. Die Menge bestellter Nährlösungen für die Kultivierung von Bakterien überstieg deutlich den üblichen Krankenhausbedarf - ein weiteres Indiz für illegale Absichten.

Hinzu kamen Tausende Satellitenfotos, auf denen zu sehen war, dass viele der von den Amerikanern 1991 zerbombten Fabriken wieder aufgebaut worden waren. "Der Irak wird alles tun, sein ABC-Waffenpotenzial, so weit es nur geht, zu erhalten", berichtete daraufhin der BND der Bundesregierung. Aber einen "rauchenden Colt", den untrüglichen Beweis für die Existenz der illegalen Waffen, fand niemand.

Ob Saddam tatsächlich neue Massenvernichtungswaffen produziert oder nur noch Restbestände versteckt, galt fortan auch unter Geheimdienstlern als Glaubensfrage. Es gäbe nicht einmal "konkrete Beweise, dass Saddam VX-Gas, Anthrax oder so etwas hat", behauptet Ex-CIA-Agent Robert Baer.

Der Erste, der Indizien zu angeblich unumstößlichen Beweisen aufpumpen ließ, war Tony Blair. Gegen die inständigen Bitten seines eigenen Geheimdienstes legte er im September ein 50seitiges Dossier vor, das bei der Unmovic inzwischen einen ähnlichen Ruf genießt wie das wenig später zum Teil aus einer Studentenarbeit abgepinnte Werk über Saddams Machtapparat.

Aus renovierten Fabriken wurden in dem Briten-Papier kurzerhand verbotene Produktionsstätten und aus möglichen Restbeständen biologischer oder chemischer Kampfstoffe ein Schreckensarsenal, das "binnen 45 Minuten" einsatzbereit sei. Auch die zuvor von allen Diensten geteilte Auffassung, Saddam arbeite derzeit nicht an Atomwaffen, wurde verworfen: Schließlich gab es doch den phantastischen Niger- Beweis.

Mehr als 550 Unmovic-Kontrollen haben bislang kaum Belastungsmaterial gegen Saddam liefern können. Tausende fälschungssichere Siegel haben die Inspektoren bereits in irakischen Fabriken angebracht. Mehr als 300 Proben auf Rückstände von Kampfstoffen wurden geprüft - ohne positiven Befund. Außenminister Powell ficht das alles nicht an: "Ich denke, wir haben bessere Informationen als die Inspektoren", sagte er.

Stimmt das, verstoßen auch die USA gegen die Uno-Resolution 1441. Die fordert nämlich alle Mitgliedstaaten auf, ihre Erkenntnisse über den Irak umgehend zugänglich zu machen. GEORG MASCOLO

GRAPHIC: Irakische Atomanlage Tuweitha: Sichere Hinweise?, GLOBAL SECURITY / DIGITAL GLOBE


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