300 N. Washington St.
Suite B-100
Alexandria, VA 22314
info@globalsecurity.org

GlobalSecurity.org In the News




Tages-Anzeiger November 1, 2001

Zaeher Grabenkrieg am Hindukusch

Von Urs Gehriger

An drei Fronten versuchen die USA in Afghanistan den militaerischen Erfolg zu erzwingen - mit alter Strategie und neuen Soldaten.

Am 25. Kriegstag gibt es von der Front in Afghanistan nebst den obligaten Luftangriffen zwei Neuigkeiten zu berichten: den Einsatz von US-Helikoptern gegen die Taliban-Hochburg in Mazar-e Sharif und die Einrichtung eines amerikanischen Luftstuetzpunktes in Nordafghanistan. Beides sind untruegliche Zeichen fuer die festgefahrene militaerische Situation am Hindukusch. Die Taliban sind zaeher als von Washington erwartet, ihre afghanischen Gegner schwaecher als erhofft und die US-Bomben weniger effektiv als geplant. Die Amerikaner sehen sich gezwungen, staerker in den "Grabenkrieg" einzugreifen. Dies tun sie mit verstaerkten Luftangriffen auf Taliban -Stellungen und neuerdings auch mit rund 100 Elitesoldaten in Nordafghanistan. Diese sollen Zieldaten erheben, Luftangriffe koordinieren und die Verbindung zu der Nordallianz herstellen. Die US-Streitkraefte und ihre afghanischen Verbuendeten hoffen an drei Fronten auf einen Durchbruch.

Mazar-e Sharif

Fast einen Monat nach Kriegsbeginn brauchen die USA endlich einen sichtbaren Erfolg. Den wollen die Alliierten zuerst in Mazar-e Sharif erzwingen. Seit Wochen proben die Truppen unter dem usbekischen General Rashid Dostom vergeblich den Sturm auf die wichtigste Stadt im Norden des Landes. Nun hat die 18 000 Mann starke Armee ihre Taktik geaendert und versucht, einen Belagerungsring um die Stadt zu ziehen. Militaerexperten zweifeln am Erfolg. "Sie haben nicht genug Soldaten, sind schlecht ausgebildet und haben nicht die notwendige Logistik", sagt ein Fachmann der Militaerzeitschrift "Jane's World Armies". Daran scheint auch das massive Bombardement der US-Kampfflieger vorerst nichts zu aendern.

Mazar-e Sharif liegt an einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte des Landes. Unweit der Stadt verlaeuft die alte Seidenstrasse. Die Region ist seit der Antike beruechtigt fuer ihre Unbeugsamkeit. Bereits Alexander der Grosse und Dschingis Khan stiessen hier auf Widerstand. Die Einnahme von Mazar-e Sharif, 55 Kilometer suedlich der usbekischen Grenze gelegen, gilt auch heute noch als "Vorstufe zum Sieg". Wer die Stadt haelt, kontrolliert die Nachschublinie von Usbekistan, der ehemaligen Sowjetrepublik, wo rund 1000 US-Soldaten stationiert sind, in die Hauptstadt Kabul.

Kabul

Im Norden von Kabul sitzt die Armee von General Mohammed Fahim fest. Sie hat zwar den Flughafen Baghram vor den Toren der Hauptstadt eingenommen, kann ihn aber nicht benutzen, weil er in der Reichweite der Taliban-Geschuetze liegt. Auch hier haben die USA ihr Bombardement intensiviert. Die Angriffe am Mittwoch gehoerten zu den heftigsten seit Kriegsbeginn am 7. Oktober. Der Widerstand der Taliban, die mit bis zu 10 000 Kaempfern den Norden Kabuls verteidigen, bleibt ungebrochen. Noch immer verfuegen sie ueber eine Flugabwehr, die regelmaessig US-Jets ins Visier nimmt.

Ueber die Ziele Washingtons im Raum Kabul herrscht Unklarheit. Verschiedene Stimmen, allen voran aus dem US-Verteidigungsministerium, warnen vor einem Einmarsch der Nordallianz in Kabul, bevor die Nachfolge der Taliban geregelt ist. Sie befuerchten, dass das Zweckbuendnis aus ethnischen Minderheitengruppen - Tadschiken, Usbeken und Hazari - sofort nach der Einnahme der Hauptstadt zerfallen und ein Machtkampf um die Herrschaft Kabuls entbrennen koennte. In diesem Falle drohen im Sueden des Landes die Staemme der Paschtunen, die 40 Prozent der Bevoelkerung stellen, zu revoltieren. Somit befaende sich Afghanistan in einem blutigen Chaos, bevor das Hauptziel der USA - die Zerschlagung von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk al-Qaida - erreicht ist.

Tunnellabyrinth

Nach eigenen Angaben wissen die USA ziemlich genau, wo sich Bin Laden und die Anfuehrer seines Terrornetzwerks al-Qaida versteckt halten. Selbst wenn das zutreffen sollte, ist der Terrorchef noch laengst nicht gefasst, denn die Bergregion ist durchsetzt mit Tausenden von Hoehlen und Tunneln. Einige von Bin Laden benutzte Stollen befinden sich im schneebedeckten Hochgebirge im Osten Afghanistans und sollen von Luftabwehrkanonen und Abwehrraketen geschuetzt sein. Viele der labyrinthartigen Tunnelsysteme sind jahrhundertealt und wurden waehrend des Kriegs gegen die Sowjetunion (1979-1989) ausgebaut. Die engen, mit Messern und Fallen versehenen Schaechte erwiesen sich als toedlich fuer manchen russischen Soldaten, der Jagd auf die Mujaheddin machte.

Pentagon-Strategen glauben aus den Fehlern der Sowjets gelernt zu haben. Sie vertrauen auf Hightech-Waffen wie waermesuchende Kameras, die Menschen auch im Felsinneren aufspueren koennen, oder lasergesteuerte Raketen und panzerbrechende Bomben. "Von einen rein militaerischen Gesichtspunkt aus ist das US-Militaer in der Lage, diese Hoehlen zu zerstoeren", sagt John Pike, Direktor der GlobalSecurity.org, einem Forschungsinstitut fuer Verteidigungspolitik in Virginia. "Aber die Vorstellung, Bin Laden und seine 5000 Getreuen in den Stalaktiten-Irrgaerten zu finden, ist laecherlich." Dazu seien grosse Verbaende an Bodentruppen noetig. Die wollen die Vereinigten Staaten derzeit nicht entsenden. Das Pentagon setzt weiterhin auf einen Abnuetzungskrieg aus der Luft.


Copyright 2003, TA-Media AG